Ein persönlicher Blick zurück – und nach vorn
Als Bauernsohn und Absolvent der HBLFA Raumberg-Gumpenstein (MJ 1991) liegt mir die Landwirtschaft seit jeher am Herzen. Nach meinem Abschluss machte ich zunächst Karriere in der Futtermittel- und Lebensmittelbranche – und habe in dieser Zeit immer wieder gespürt, wie eng moderne Produktion mit Boden und Natur verbunden ist. In den letzten Jahren wuchs mein Interesse daran, wie wir ökologische Resilienz und ökonomische Erträge verbinden können. Deshalb entschied ich mich, den „Zertifikatslehrgang Agroforst“ am LFI Niederösterreich im heurigen Jahr zu absolvieren. Heute engagiere ich mich als Botschafter für gesunden Boden und sehe in Agroforstsystemen und Mehrnutzungshecken sehr wirkungsvolle Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit.
Warum gerade jetzt Agroforstsysteme wichtig sind
Durch den Klimawandel hat sich die Vegetationszeit in unseren Breiten bereits um mehrere Wochen verlängert: Wir können früher säen, später ernten. Gleichzeitig jedoch nehmen Hitze- und Dürrewellen, extremer Starkregen, Hagel und Winde zu. Das bedroht unsere Kulturen, insbesondere auf ungeschützten Flächen.
Zudem ist in Österreich ein gravierender Bodenverlust festzustellen: Durch Erosion gehen schätzungsweise 6 Tonnen Boden pro Hektar und Jahr verloren – während täglich rund 12 Hektar Fläche versiegelt werden. Die täglichen Verluste bedrohen langfristig die Bodenfruchtbarkeit und damit unsere Ernährungssicherheit.
Angesichts dieser Herausforderungen wirkt die Integration von Bäumen und Sträuchern in landwirtschaftliche Flächen wie eine zentrale Strategie für Klimaanpassung, Bodenschutz und Biodiversität.
Was sind Agroforstsysteme und Mehrnutzungshecken?
Agroforstsysteme verbinden gezielt landwirtschaftliche Nutzflächen (Äcker und Wiesen) mit Baum- oder Strauchstreifen. Diese mehrschichtigen Systeme schaffen Synergien zwischen Gehölzen und Kulturpflanzen: Sie verbessern die Bodennutzung, regulieren den Wasserhaushalt, liefern zusätzlichen Ertrag und schaffen Lebensräume für Insekten und Tiere und Vögel.
Mehrnutzungshecken sind Heckenstrukturen, die gleichzeitig mehrere Funktionen erfüllen: Sie dienen als Wind- und Erosionsschutz, Lebensraum für Tiere, liefern Nahrung (wie Nüsse, Beeren, Obst), Futter (Laub), Brennholz und Wertholz – zudem können sie als Sichtschutz oder als Teil der Landschaftsgestaltung genutzt werden. Damit bündeln sie ökologische und ökonomische Vorteile in einem System.
Die Vorteile von Agroforstsystemen und Mehrnutzungshecken
Erosions- und Bodenschutz
Hecken und Baumstreifen entlang von Höhenlinien wirken wie natürliche Barrieren: Sie bremsen Wind, verringern Wasserabfluss und reduzieren Bodenerosion erheblich. Laut BIO AUSTRIA kann die Erosion durch Gehölze um 40 bis 90 % gesenkt werden.
Das schützt kostbare Oberböden, bewahrt Humus und fördert langfristig die Bodenfruchtbarkeit. In Agroforststreifen wurden zudem deutlich mehr Regenwürmer gezählt als auf benachbarten Ackerflächen, was auf eine höhere bodenbiologische Aktivität hinweist.
Wasserhaushalt & Klimaresilienz
Durch die Gehölze wird nicht nur Wind abgebremst, sondern auch das Mikroklima verbessert: Mehr Tau, weniger Verdunstung, stabilere Bodenfeuchte. Gleichzeitig können durch tiefe Wurzeln Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten mobilisiert werden, was besonders in Trockenphasen hilfreich ist.
Kohlenstoffbindung und Humusaufbau
Bäume und Sträucher binden Kohlendioxid nicht nur oberirdisch, sondern auch über ihre Wurzeln im Boden. Der zusätzliche Eintrag von Wurzelkohlenstoff trägt zum Humusaufbau bei, der Humusgehalt steigt, und so verbessert sich langfristig die Kohlenstoffspeicherung im Boden.
Biodiversität und Lebensräume
Mehrnutzungshecken und Agroforststrukturen bieten Lebensraum für Vögel, Insekten, Kleintiere und Kleinlebewesen, erhöhen die Vielfalt der Landschaft und fördern damit die Biodiversität. Die Kombination aus Gehölzen und offenen Flächen schafft Nischen, die in Monokulturen oft fehlen.
Wirtschaftliche Diversifizierung
Hecken liefern mehr als nur Schutz: Man kann Nüsse, Beeren und Obst ernten, was zusätzliche Einkommensquellen eröffnet. Auch Laub als Futter (z. B. für Schafe oder Hühner) kann genutzt werden, genauso wie Wertholz oder Energieholz. Durch diese Möglichkeiten kann sich ein Betrieb breiter aufstellen, Risiken streuen und langfristig unabhängiger von einzelnen Kulturen werden.
Schatten für Tierwohl und Ackerkulturen
Für Tiere in Freilandhaltung wie Hühner, Kühe, Schafe oder Ziegen bieten Mehrnutzungshecken wertvollen Schatten in heißen Perioden. Dadurch verbessert sich das Wohlbefinden der Tiere, was sich auch auf ihre Gesundheit und Leistung auswirken kann. Auch sonnenbrand- und hitzegefährdete Kulturen, z.B. Ölkürbis oder Käferbohne können vor intensiver Sonneneinstrahlung und extremer Hitze geschützt werden.
Herausforderungen und Planung
Natürlich ist die Anlage solcher Systeme komplex: Agroforst erfordert gute Planung, langfristige Sichtweise und fundiertes Wissen. Es braucht die Wahl der richtigen Baum- und Straucharten, die Anordnung der Streifen (sinnvolle Abstände angepasst an die Maschinenbreiten), Bewirtschaftungskonzepte und Finanzierung (diverse Förderungen sind möglich)
Ausblick und Handlungsempfehlungen
Durch meine langjährige Erfahrung und mein weitreichendes Netzwerk in der Agrarbranche bin ich ein bodenständiger Sparringpartner der Brücken zwischen Produzenten, Verarbeitern, Händlern, Organisationen und Konsumenten baut.
Ich bin auf der Suche nach veränderungsbereiten Landwirten, die ein Agroforstsystem implementieren und ihren Betrieb damit weiter optimieren wollen, denn für mich sind Mehrnutzungshecken und Agroforstsysteme ein neuer Weg in eine resilientere, produktivere und nachhaltige Landwirtschaft.
Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Weihnachtszeit und in ein paar Jahren einen Christbaum aus dem eigenen Agroforst.


